Kompensiert das Gehirn verloren gegangene Funktion?

Eine neue Studie gibt unter Umständen Aufschluss über eine bislang wenig erforschte Funktionsweise des Gehirns und gibt Hinweise darauf, wie neurodegenerative Erkrankungen (z. B. Alzheimer) entstehen könnten. Daraus könnten sich auch neue Wege der Therapie ergeben.

Beim Glaukom, auch bekannt unter dem Namen Grüner Star, gehen dem Patienten scheinbar zufällig bestimmte Abschnitte seines Gesichtsfelds verloren. Nach einem Schlaganfall oder einem Gehirntumor verliert der Patient auch oft Teile seines Sehvermögens und es entstehen ebenfalls „blinde Stellen“. Bis vor kurzem waren die Wissenschaftler überzeugt, dass die Beeinträchtigung des Sehvermögens durch ein Glaukom nichts mit der Gehirnfunktion zu tun hätte.

Im letzten Jahr entdeckten Wissenschaftler Indizien, dass sich der Grüne Star nicht zufällig entwickelt, sondern dass das Gehirn an diesem Prozess beteiligt ist. Patienten, die unter einem leichten bis schweren Glaukom litten, können durchaus auf einem Auge blind werden und trotzdem auf dem anderen ihr Sehvermögen behalten. Das restliche Sehfeld des erkrankten Auges ergänzt sich wie bei einem Puzzle mit dem Sehfeld des gesunden Auges. Dieses Phänomen nannten die Wissenschaftler „Jigsaw-Effekt. Diese Beobachtung führt zu dem Schluss, dass zwischen den beiden Augen in irgendeiner Form eine Art Kommunikation existieren müsse, so William Eric Sponsel, ein Autor der Studie.

In der jüngsten Veröffentlichung erläutert das Team um Sponsel, dass dieser Effekt bereits in Anfangsstadium des Glaukoms vorhanden ist. Außerdem gibt es Hinweise, welcher Bereich des Gehirns für die Verbesserung des Sehfeldes verantwortlich ist.

Diese Veröffentlichung widerspricht der bislang gültigen Meinung über den Grünen Star und entsprechend groß waren auch die Vorbehalte gegenüber der Veröffentlichung. Einige Wissenschaftler griffen die Ergebnisse auf und argumentierten dagegen. Falls das Gehirn wirklich in der Lage sei, den Sehverlust durch das Glaukom mit dem anderen Auge auszugleichen, folge daraus, dass das Sehvermögen beider Augen besser sein müsse, als das Sehvermögen eines einzelnen Auges, das sich dem anderen angleiche. Es wurden Studien geplant und durchgeführt, um die Erkenntnisse von Sponsel zu widerlegen.

Dem Team um Sponsel fand jedoch Hinweise, die den Jigsaw-Effekt stützten. Sie entdeckten kleine Muster in Form von Bögen im Gesichtsfeld des Patienten. Diese Muster befinden sich in den hinteren Bereichen des Gehirns und sind bekannt als Okulare-Dominanz-Säulen. Über ihre Funktion ist nur so viel bekannt, dass manche mit dem linken Auge, andere mit dem rechten Auge zusammenhängen.

Diese Arbeit zeigt, dass es die kleinen Zwischenräume in den Spalten sind, die jeweils mit dem einen oder anderen Auge korrespondieren und dafür sorgen, dass sich die Sehfelder ergänzen.

Möglicherweise kann auch die Ausbreitung von Parkinson und Alzheimer (beides wie das Glaukom neurodegenerative Erkrankungen) durch das Gehirn beeinflusst werden. Das Gehirn will verhindern, dass auf beiden Seiten dieselbe Beeinträchtigung entsteht und versucht den Funktionsverlust auszugleichen. Anscheinend gibt es im Gehirn Abläufe, die bei allen neurodegenerativen Erkrankungen zum Einsatz kommen.

Es stellt sich jetzt die Frage, ob das Gehirn Fähig ist, den Ablauf von neurodegenerativen Erkrankungen zu steuern. Diese Abläufe müssen gründlich erforscht werden, denn es ergeben sich daraus interessante Perspektiven. So können diese Erkrankungen vielleicht in Zukunft gezielt aufgehalten werden. Nicht zuletzt können aufgrund dieser Forschungsergebnisse ganz neue Therapieansätze entwickelt werden